Die Deutsche Kohortenstudie zur Frauengesundheit

Die „neue Frauengeneration“ – Rollenorientierung, Befindlichkeit, Sexualität,
Zusammenhänge zur Hormonanwendung

Wohl selten hat ein gesellschaftlicher Wandel wie der der letzten Jahrzehnte zu derartig umfassenden Veränderungen für Frauen geführt. Was hat sich in der Selbstdefinition von Frauen wirklich verändert, wie wohl fühlen sich die Frauen dabei heute? Vorgestellt werden ausgewählte Ergebnisse der „Deutschen Kohortenstudie zur Frauengesundheit“, insbesondere die eines Teilprojektes, einer bundesweiten Befragung an N= 1.716 Frauen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren. Untersucht wurde die gesundheitsbezogene Lebensqualität bzw. das allgemeine Wohlbefinden von Frauen, ihr heutiges Selbstbild, gesondert Zusammenhänge zur Befindlichkeit und Sexualität, des weiteren Zusammenhänge zur Hormonanwendung.

Allgemeines Wohlbefinden der Frauen
Im Gegensatz zum körperlichen und sexuellen Wohlbefinden, was mit zunehmendem Alter als schlechter eingeschätzt wird, wird das psychische Wohlbefinden von den hier befragten Frauen mit zunehmendem Alter als besser eingeschätzt. Dies lässt sich generationsspezifisch, aber auch entwicklungspsychologisch interpretieren. Im Bereich Sexualität lassen sich Veränderungen aufzeigen, bei denen der Zuwachs an mehr Freiheit, Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Frauen eine Rolle spielt. Eine der grundlegenden Veränderungen für Frauen ist ihre gestiegene Lebenserwartung, die dazu geführt hat, dass mit zunehmendem Alter immer mehr Frauen ohne Partner leben und es andererseits für Frauen immer schwieriger wird, einen neuen Partner zu finden. Das heißt natürlich nicht, dass Frauen ohne Partner keine sexuellen Wesen mehr sind und nicht über sexuelle Bedürfnisse verfügen. Die Studie ergab, dass die 50-jährige, die einen Partner hat, aber nicht mit ihm zusammenlebt, vermutlich eine neue Partnerschaft in diesem Lebensabschnitt eingegangen ist, die gleiche sexuelle Lust äußert wie die junge Frau. Die Libido nimmt zwar mit dem Alter ab, ist jedoch stark von dem möglichen Beginn einer neuen Partnerschaft und der Partnerschaftsdauer beeinflusst.

Vier verschiedene Frauentypen, Zusammenhänge zum allgemeinen Wohlbefinden

Es lassen sich vier verschiedene Frauen-Typen beschreiben:
· - Die offensive Power-Frau: Sie ist leistungsorientiert, offensiv, schreibt sich neben typisch weiblichen auch männliche Eigenschaften in hohem Maße zu. Dieser Typ muss nicht die Karriere-Frau sein, sondern kann genauso die nicht berufstätige Familienmanagerin sein.
· - Die anpassungsfähige Normen-Frau: Sie orientiert sich stark an aktuellen, wechselnden Trends und vorherrschenden Normen, sie ist kompromiss- und anpassungsbereit, beschreibt sich in allem eher durchschnittlich.
·- Die suchende ambivalente Frau: Sie ist verstrickt in verschiedene Rollenanforderungen, beschreibt sich selbst als weder ausgeprägt familien- noch berufsorientiert.
·- Die defensiv-traditionelle Frau: Von ihrer gesamten Selbstbeschreibung ist sie defensiv, sich unterordnend, nachgiebig, aufopferungsbereit, mit der geringsten Selbstbehauptung, dabei stärker familien- als berufsorientiert.
Diese gefundenen Typen werden in bezug auf Alter, soziodemographische Faktoren, körperliches, psychisches und sexuelles Wohlbefinden, aber auch Häufigkeit der OC- und HRT-Nutzung (Hormonersatztherapie) untersucht.
Frauen, die sich noch sehr stark am traditionellen Rollenmodell orientieren, sind interessanterweise auch die Frauen, die insgesamt über mehr körperliche und psychische Beeinträchtigungen berichten. So genannte Powerfrauen, die sich neben expressiven (weiblichen) Eigenschaften auch instrumentelle (männliche) Eigenschaften in hohem Maß zuschreiben, erweisen sich in der neuen Studie als die körperlich und psychisch Gesünderen, auch was ihre sexuelle Gesundheit betrifft. Die Frage der Kausalität bleibt hier offen, denn die psychische Stabilität ist eine Voraussetzung dafür, dass ich mein Leben mit mehr Energie, Leistungsfähigkeit, Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung bewältige.
Die Studie ergab, dass sich selbst „unsichere“ Frauen über 55 Jahre psychisch besser fühlen als unter 25-jährige Powerfrauen.

Zusammenhänge zur OC-Anwendung
OC-Anwenderinnen zeigen zum einen eine höhere Leistungsorientierung, andererseits eine höhere traditionell weibliche Rollenorientierung als Nicht-Anwenderinnen, altersspezifisch auch eine geringere Selbstbehauptung.
OC-Anwenderinnen schreiben sich eine bessere körperliche Gesundheit zu, aber kein besseres psychisches Wohlbefinden. Sie geben weniger sexuelle Defizite, mehr sexuelle Lust und ein besseres sexuelles Wohlbefinden an als Nicht-Anwenderinnen. Hierfür gibt es vielfältige Erklärungsansätze.
Der Typ Powerfrau verwendet häufiger OCs, verhält sich aber kritischer gegenüber den HRT-Präparaten.

Zusammenhänge zur HRT-Anwendung
HRT-Anwenderinnen im Alter zwischen 45-54 Jahren äußern ein signifikant schlechteres allgemeines Wohlbefinden und mehr sexuelle Defizite. HRT-Anwenderinnen über 55 Jahre jedoch geben ein besseres sexuelles Wohlbefinden und eine höhere sexuelle Lust an als die Nicht-Anwenderinnen. Hierbei handelt es sich möglicherweise um sexuell aktivere Frauen, die über einen längeren Zeitraum und im höheren Alter noch ein HRT-Präparat verwenden.